Der Dichter fühlt sich sowas von daneben. "Neben was genau?" mag der jetzt schon interessierte Leser vielleicht fragen, und der Dichter empfindet dies als eine unerhörte Einmischung in seine Gedankengänge, lassen Sie ihn gefälligst erst zu Ende formulieren! Er fühlt sich wie aus der Zeit getreten, vor den Kopf geboxt, eine ihm unbekannte Hand hat ihm die Faust gegen die Stirn geschlagen, mehrmals hintereinaner, nun geht es ihm dumpf. Am liebsten würde er sich unter die Decke verkriechen, wenn es nicht hellichter Tag wäre und andere Menschen munter herumgehen würden.
Andere Menschen! Wie sie ihm auf die Nerven gehen! Wie sie da kreuchen und fleuchen mit ihren ach so leichten Köpfen! Wie sie da wiegen und nicken – eine Hornisse sollte man unter sie fahren lassen, sodass sie stieben: "Hilfe! Bakterien, Tierwelt, unbekanntes Mikrobiom!"
"Daneben eben", direkt neben den anderen, aber doch unsichtbar. Nur sichtbar für sich selbst, seine Finger, wie sie die Tastatur bespielen, sein nur langsam erwachendes Hirn. Sein Kopf, auf den gehämmert wurde und der jetzt schief auf dem Halse sitzt.
Kann ihm jemand bitte seinen Kopf zurechtrücken? (18.5.26)
Auf den Arbeitstisch wird ein weißes Leintuch gelegt. Das beruhigt das Ambiente. Jetzt kann alles neu begonnen und aus der Kristallglasflasche reines Wasser getrunken werden. Aaaaaah!
Nun frisch ans Regale-Entstauben, allerdings nicht mit dem Wedel. „Feucht aufnehmen“, nennt die Hauswirtschaft diesen Vorgang, womit alle Flächen, nicht nur die ganz unten, gemeint sind.
Aber Bücher aus dem Regal heben, um darunter zu putzen, ist denn doch zu viel verlangt. Das mache bitte, wer die Regale später erben möchte. Der Dichter ist sowieso der Meinung, darunter ist es
blitzblank.
Man merkt: der Dichter unterbricht gerne alle Arbeit, um ein wenig Wort zu setzen – nun aber husch, husch zurück an den Lappen! (12.3.26)
Der Dichter ist in das berühmte Loch zwischen den Aufträgen gefallen. Es schwirrt in seinem Kopf. Das Hirn fühlt sich wattig an. Am liebsten würde er alle 10 Minuten aufspringen und sich einen Kaffee kochen. Was nicht ruhiger macht und auch nicht konzentrierter. Der Dichter hat deshalb heute ganz viel Facebook geguckt. Die kleinen schönen Filmchen über Meghan Markle und das englische Königshaus und andere, über schlafende Hunde in unmöglichen Körperverrenkungen und noch andere, über lustige Unfälle, die für den, der sie verursacht, überhaupt nicht lustig sind. Aber da gibt es zum Beispiel zusammengeschnittene Videoaufzeichnungen von Leuten, die in Handys starren und dabei in öffentliche Brunnen fallen. Oder gegen Laternenpfahle rennen. Darüber darf man lachen, findet der Dichter. Oder ist das schon in irgendeiner Weise diskriminierend? Oder irgendwas mit "gender" oder Mobbing oder schwurblerisch? Kann der Dichter dafür belangt werden?
Da gibt es doch jetzt solche Meldestellen, fällt ihm ein, wo Freunde einen anonym melden können: "Der hat an unpassender Stelle gelacht, ich glaube, dass war rassistisch. Halten Sie doch mal ein Auge auf den! Wenn das jeder in unserer Demokratie machen würde, wo kämen wir da hin!?"
Der Dichter schreibt jetzt lieber mal nicht mehr weiter und geht sich noch einen Kaffee holen. (21.10.25)
Tage, an denen der Himmel durchgehend tintig ist. An denen das aufgeplusterte Taubenpärchen lustlos über den hubbeligen Rasen torkelt. An denen sich der Dichter einen Kaffee nach dem anderen kippt, was den Hunger nicht stillt, aber immerhin für regelmäßige Unterbrechung der Auftragsarbeit sorgt, mit der er sich nicht recht anfreunden kann. Dichter sollten nur freie Texte schreiben! Künstler sollten überhaupt niemals für Geld arbeiten müssen! Das hemmt die Kreativität derart, dass man es gar nicht beschreiben kann.
Jedenfalls sättigt auch der sechste Kaffee nicht, weshalb sich der Dichter am späten Nachmittag eine Pizza bestellt, nur, um sie sofort wieder abzubestellen, da nicht ein Centlein Geld im Haus.
Also klumpt sich der Dichter in aller Eile einen Quark-Öl-Teig zusammen, Mutterrezept, gelingt angeblich immer, zwei Wurstzipfel und drei Kartoffeln drauf, rein in den Ofen – aber wieder wird der Boden derart gummig, dass der Dichter zäh würgen und schluchzen muss. (Februar 2025)
Mit dem zweiten geplatzten Reifen hat der Dichter einen halben Tag und eine ganze Nacht in der Serra gestanden, so heißen in Spanien die im Sommer besonders ausgedörrten, struppigen, heißen Höhenzüge. Von Trockenheit gab es allerdings keine Spur.
Es schüttete wie aus Kübeln, dazu orkanartige Böen, die dem Dichter die Befürchtung einflößten, jeden Moment mit seinem Bus abzuheben, was schon schlimm genug gewesen wäre, aber eventuell noch besser, als rechter Hand unter einem, durch den Starkregen ausgelösten Bergrutsch begraben zu werden. Auch beides zusammen wäre möglich gewesen. Erst herumgewirbelt, dann begraben, dann noch eine Woche unterirdisch von den Vorräten gelebt, bis auch das letzte Gasflämmchen verlöscht wäre. . .
Der Leser bemerkt: es war nicht einfach. Mit allerhand Ängsten hat sich der Dichter auf seiner großen Reise herumschlagen müssen. Gebetet hat er auch: „Bitte, lieber Gott, lass Sturm und Regen weiterziehen, und bitte gib mir draußen ein wenig Licht! Diese Finsterniss, Herr, erinnert mich an nichts, das ich von zu Hause mit der Laterne vor der Tür kenne! Nie wieder werde ich hinaufklettern und ihren zu hellen Schein mit einer Folie abkleben, sodass die Männer von der Stadt kommen müssen, um sie wieder abzureißen! Hoch und heilig, das verspreche ich!“
Das hat den Ausschlag gegeben, da ist sich der Dichter sicher.
Leider muss er sich allerdings jetzt daran halten. (Anfang 2025)
Der Dichter ist mit seinem Oldtimer VW-Bus Typ 4 nach Portugal gefahren. Dabei fällt ihm gleich bei diesem ersten Satz auf, dass er so nicht korrekt ist. Genauer müsste es heißen: der Dichter ist IN seinem Oldtimer VW-Bus Typ 4 nach Portugal gefahren, denn der Bus ist ja nicht nur mitgekommen, sondern hat den Dichter transportiert. "Der Dichter ist mit seiner Aktentasche nach Davos gefahren" bedeutet ja auch nicht, dass die Aktentasche gefahren ist. So genau ist Sprache! So genau sollte man sie verwenden!
Tut aber kein Mensch.
Jedenfalls war die Fahrt viel anstrengender als sie der Dichter von seiner ersten Fahrt vor zehn Jahren im Opel Siestra seiner Mutter ohne Bett und Kochniesche in Erinnerung hatte. Da musste er doch mit Sicherheit auch die steilen Pyrenäen passiert haben! Aber die Bilder dazu waren wie ausgelöscht. So ist das mit Traumen, sie versinken tief auf den Boden des Bewusstseins, und so musste der Dichter stets frisch in den Abgrund blicken, während er sich vorstellte, die Bremsen würden versagen, und er, letzte Gebete rufend kopfüber . . .
Am Ende ist es gut gegangen. Der Dichter fuhr und fuhr und fuhr, machte kaum Pausen, nur einmal auf der Autobahn wegen eines geplatzten Reifens und dann direkt am nächsten Tag nochmal in der spanischen Serra wegen eines anderen Reifens, aber aus dem selben Grund.
Dann war der Dichter da, erlebte einiges, fuhr zurück und versucht sich jetzt schon seit Wochen in sein vorheriges Dasein wieder einzugliedern, wobei noch immer offen ist, ob es gelingt. (Ende 2024)
Der Dichter hat leider eine halbe Packung Supermarkteis essen müssen. Sein Magen hat ihn dazu gezwungen. Oder war es der Löffel? Oder seine Augen? Oder die Tatsache, dass er zuvor die andere Hälfte in sich hineingespeist hatte? Es ist nämlich so, erkennt und erkannte der Dichter: hat er erstmal mit einem Übel angefangen, ist er von sich selbst so enttäuscht, dass er aus lauter Frust darüber direkt weiterschandtaten muss. Ein Automatismus. An dieser Stelle beißt sich die Katze in den Schwanz.
Kaum zu glauben allerdings, dass Katzen wirklich so dämlich sein sollen. Berichtet nicht das ganze Internet beständig von ihrer außerordentlichen Gewitzt- und Schlauheit? Tumpen Meerschweinchen oder Hunden, denen traute man das zu, aber Katzen? Und wirklich kann sich der Dichter nicht erinnern, dass sich der Kater seines Bruders schon einmal selbst hintenrein gebissen hätte. Andererseits kann es sein, dass der dazu auf Grund seiner Speckrollen ("unser Kater ist nicht fett, das sind Muskeln!") gar nicht fähig war. Da beißt sich die Katze also wieder in den Schwanz, aber eine andere, unterernährte, fremde. (19.8.24)
Dann gibt es Tage, die dem Dichter zu viel sind. Die können ruhig wegbleiben, an der Schwelle umkehren, noch nicht einmal fragen, wie's geht, nur "Gott zum Gruße!" und ab.
Den Dichter allein lassen, unter seiner Decke, auf dem Zweisitzsofa, auf dem er sich ganz kurz machen muss. Licht dringt durch die Vorhangritzen. Der Dichter hasst das Hell, kann aber nicht aufstehen, um zu verdunkeln, weil er dafür aufstehen muss.
Es ist auch zu viel Zeit da. Zeit, die sich unverschämt in die Länge und Breite dehnt, die um ihn herumwabert, ein dicker Puddingnebel, aus dem nur hier und da eine Gedankenspitze herausragt.
Das Denken würde der Dichter sowieso gerne lassen an solchen Tagen. "Wage es nicht!" empören sich vorauseilend die seit dem frühen Morgen in der Warteschlange anstehenden Gedanken. Aber der Dichter ist mutig und gibt ihnen Tritte, viele kleine, und auch mal einen großen. Und auf den letzten tritt er absichtlich nochmal extra drauf. So, fertig! Der Dichter zieht die Füße an. Sein Kopf wippt haltlos auf seiner schlappen Nackenmuskulatur... (8.8.24)
Der Dichter hat sich ein Hochbeet bauen wollen. Endlich auch eins im eigenen Garten! Endlich selbstgezogene Tomaten ernten und Gurken und Paprika und vor allem Pflücksalat. Jeden Sommertag Salatblätter pflücken, die Schnecken abstreifen, Zitronensaft pressen, Olivenöl dazu, etwas Salz …. was braucht das Hirn sonst noch im kreativen Flow?
Also hat sich der Dichter Paletten besorgt und sie im Garten zu einem Kubus gegeneinander gestellt. So soll es mal aussehen, natürlich mit Erde drin, verschiedene Schichten, unten Kaninchenabwehrgitter, eine Schicht Mulch, Äste, torffreie Pflanzerde, Grasausstich.
Schlimmer kann man einen Garten wohl nicht verschandeln, dachte der Dichter. Selbst ein hippiefarbener Anstrich wird das grobe Gebrettere nicht schöner machen, auch nicht tibetischen Wimpelchen, wippende Sonnenblumenhäupter, bunt bekleckste Handrechenhalterungen. Schon hat der Dichter die Nase von seinem Hochbeet gestrichen voll.
Muss ja eigentlich auch nicht. Wozu hat man Freunde, die Hochbeete haben? Die haben außerdem nicht „Rücken“, beziehungsweise kräftige Söhne, die ihnen die Erdsäcke schleppen, manchmal sogar die gesamte Konstruktion selbst in die Hand nehmen, „gib mal her, Alter, das wird so nichts“, samt Holzversiegelung außen, samt Folieninnenauskleidung.
Aber nicht der kinderlose Dichter, der nun denkt: "Ist im Grunde auch nichts, so ein Beet, für einen zartfingrigen Dichter." (April 2024)
Der Dichter möchte eigentlich nicht mehr leben. Und kann es darüberhinaus auch den nächsten Monat kaum. Höchstens bei Haferflocken und trocken Brot, Kaffee ohne Sahne und billigen Teebeuteln von Penny – die besonders unschmackhaften, vierzig Stück in einem Karton ohne einzeln eingepackt.
Man hat ihm sein Auto weggeschleppt. Böse Abschleppmänner haben es bereits heute Morgen auf ihren Abschleppwagen geladen und grinsend davongefahren. Sie haben sich die Hände gerieben und ins Fäustchen gelacht, und nachdem sie seinen Wagen zusammen mit den anderen, die allesamt auf einem Parkplatz standen, der bis gestern noch öffentlich war, hinter ihrer Abschleppunternehmensabsperrung abgeladen haben, den Abschleppfirmenmitarbeiterbonustanz aufgeführt. Aus lauter Freude über die große Beute.
Denn diese hinterlistigen, räudigen Kreaturen erhalten eine Zusatzzahlung für jedes eingefangene Autotier. Und davon kaufen sie dann ihren Kindern, die genauso garstig sind wie sie selbst, billiges, hässliches Plastikspielzeug, das nach chinesischer Massenherstellung riecht und sofort wieder kaputt geht, aber das stört sie nicht die Bohne, denn am nächsten Tag gibt es ja direkt wieder Nachschub. Und so finanzieren am Ende die Dichter eine ganze Spezies rücksichtsloser Unholde, die noch nicht einmal ahnt, dass man die Fäden von Teebeuteln aneinanderknüpfen kann und so eine Rolle Bindfaden ganz umsonst für den Notfall hat.
Das zumindest wird der Dichter ihnen nicht verraten, wenn er morgen seinen Wagen einlösen geht. (24.4.20)
Der Dichter hat ein Hündchen geerbt, von seiner alten Nachbarin. Sie ist nicht ins Altersheim gekommen, wie man jetzt vielleicht annehmen könnte, sondern nach Schweden ausgewandert. Auf eine Schäre, die wiederum sie geerbt hat vom Neffen ihrer Großnichte und davon der Sohn. So alt war seine Nachbarin also schon, was sie, wie gesagt nicht daran hinderte, ihren Dackel mit drei Dosen Futter vor seiner Wohnungstür anzubinden, in ihren Döjöwö, Baujahr 1968, zu steigen und zu verschwinden.
Der Hund und der Dichter haben sich erst einmal gegenseitig beschnuppert. Was der Hund roch, mochte er, was der Dichter roch, gefiel ihm nicht, also hat er ein Bad eingelassen und den Hund reingesetzt. Scheinbar war es sein erstes Mal. Er hat getobt und geknurrt bis zum Geht-nicht-mehr und dann zugebissen. Jetzt fehlt dem Dichter beinahe die linke Hand. (3.2.20)
Der Dichter ist von den Handwerkern aus dem Schlaf geschreckt worden. Ist im Schlafanzug zur Tür geeilt und hat zwei Männern in Arbeitslatzhosen geöffnet, die ihn angeblickt haben.
"Oh, vergessen", hat der Dichter gemurmelt und hätte es damit auf sich beruhen lassen, wenn nicht in dem Moment sein Mitbewohner in der Zimmertür gestanden hätte, ebenfalls in Schlafkleidung, ebenfalls um halb neun Uhr morgens noch nachtzerzaust.
"Eine Unverschämtheit!" hat der Mitbewohner gerufen, "Künstler, die sich bis spät in die Nacht förmlich für ihr Werk zerreißen, so früh aus dem Bett zu holen! Wir arbeiten nämlich auch, genauso wie Sie!"
"Ja", haben die vor zwei Wochen angekündigten Handwerker beschwichtigt, "wir stören ja auch nicht lang, wir müssten nur mal eben in Ihrem Zimmer gucken, wo die Kabelanschlussbuxe liegt."
"Wir sehen kein Fern! Das lenkt uns nur ab und unterbindet jegliche Kreativität!" hat der Mitbewohner belehrt, "und außerdem muss ich mich fertigmachen! Gleich ist Pressekonferenz! Pressekonferenz für meine Ausstellung! Die Arbeit ist, auch wenn sich das Ihrereiner nicht vorstellen kann! Bitte kommen Sie ein anderes Mal! Gleich habe ich eine Pressekonferenz!"
SCHMETTER die Tür zu.
Und da standen sie nun, die Telekommunikationsfritzen und der Dichter – verständnislos die einen, ungebeten enttarnt der zweite, und sehr peinlich berührt ... (31.10.19)
Anfang August ist der Dichter in Frankfurt am Main gewesen. Er hat dort einen Vortrag gehalten, was ganz gut gelaufen ist, und hat sich danach die Stadt angesehen, also, das Gebiet, das er in der Affenhitze in Sandalen ohne Fußbett hat schaffen können: das Museum für Komische Kunst, in dem gerade eine Traxlerausstellung war, und die Straßen, die sich von dort aus bis zum Bahnhof erstreckten. Asphalt und Beton. Und Spiegelglas, in dem sich das Jungvolk auf seinen leihbaren Elektrorollern quietsch-agil reflektierte, während der einherschlurfende Dichter absichtlich in die entgegengesetzte Richtung blickte. Dort sammelten alte Menschen in große Plastiktütenersatzplastiktaschen leere Flaschen ein, indem sie ihre zerschrundenen Unterarme tief in Mülleimer tauchten. Manchmal hatten sie tatsächlich Glück, das sah der Dichter auf ihren Gesichtern.
Wie war der Dichter endlich froh, den Hauptbahnhof erreicht zu haben! Am liebsten hätte er sich im Wartebereich lang auf drei Stühle gelegt, aber das getraute er sich nicht – ganz im Gegensatz zu einem etwas unsauber wirkenden, jedoch viel mutigeren Herrn ungefähr seines Alters, der plötzlich aus dem Off mit einem beneidenswert gelenkigen Sprung unter die gegenüberliegende Sitzreihe glitt, um dort hingestreckt zu ruhen. Das war natürlich der weitaus bessere Gedanke: wenn etwas Kühlung versprach, dann doch bei diesen Temperaturen der blanke Boden, wenngleich man es mit einem kleinen Kissen sicherlich bequemer gehabt hätte.
Was soll er weiter berichten, der Dichter? Am Ende war er wieder zuhause; auf dem Balkon, über dem Rockkneipebiergarten, mit vielen neuen Eindrücken, im Kopf und an den Zehen. (6.8.19)
Der Dichter lebt in einer Stadt, die nicht zu ihm spricht.
Stadt: „Und wie bitte, soll ich das Ihrer Meinung nach tun!?“
Es ist aber auch ein komisches Fleckchen Erde, an dem der Dichter da gelandet ist. Es war der blanken Not geschuldet; der Rotor setzte plötzlich aus, eine lebensrettende Landung war unumgänglich, schließlich schlug man unsanft in einem Acker auf.
Also suchte der Dichter sich eine Bleibe und landete im Hafen. LKWs, Fabrikdämpfe, die Rangiergleise der Industrieeisenbahn direkt vor der Tür.
Eigentlich gar kein so schlechter Ort, dachte der Dichter, besser jedenfalls als im Städtchen, wo die Leute moderngewamst herumgingen und riesige Gegenstände in riesige, wiederverwertbare Taschen luden.
Stadt: „Das sind Einkäufe, Sie Depp!“
Man verständigte sich über kleine, viereckige Kästchen, die man anschließend den Kinder reichte, damit sie sie sauberwischen konnten. Und alle trugen konisch zulaufende Pappröhren in Händen, die sie synchron zu den Lippen führten, so ernährten sie sich.
Stadt: „Und diese Reden sind genau der Grund, warum wir Sie hier nicht wollen! Fliegen Sie wieder dahin, wo Sie hergekommen sind! Wir haben Ihren Hubschrauber repariert! Umsonst – kostet nichts.“
Einmal im Jahr gab es ein großes Fest, auf dem grüne Männer zu Trompetenklang johlend im Kreis marschierten, bräunliche Brühe tranken, sich an Hauswänden erleichterten und von Mädchen geherzt wurden.
Stadt: „Und nachher gibt’s Bratfisch.“
Merkwürdigerweise war das der Grund, warum der Dichter dann schließlich geblieben ist. (5.2.19)
Der Dichter hatte Depressionen, nichts Neues, wird seine Leserschaft jetzt sagen, aber da irrt sie sich: die Schwermut hat tausend Gesichter.
Also ist der Dichter ins nahe Einkaufszentrum geradelt, da war er noch nie, aber die halbe Stadt verbringt da ihre aufregendsten Zeiten. Ernsthaft, das steht da: "wir bauen für Sie um, für ein noch schöneres Einkaufserlebnis".
"Einmal sind wir in den Ferien so richtig Shoppen gewesen. Auf vier Etagen. Es war sehr spannend. Erst hat meine Mama für mich und meine kleine Schwester ein Eis geholt. Dann hat sie für sich vier Paar Sommerschuhe mit hohem Absatz geholt, dann hat sich Papa einen Computer geholt, dann habe ich mir von Opas Geburtstagsgeld Kopfhörer geholt, dann haben wir für Oma ein Rosenbadesalz geholt, dann haben wir für uns alle eine neue Sofaecke geholt, dann haben wir für Mia eine Strickjacke mit Puffärmeln geholt, dann hat sich Papa eine Cola und mir eine Limo und Mia einen Kakao und Mama einen Eistee geholt. Danach haben wir drei Hosen, einen Bademantel, ein Buch, ein Handy, fünf CDs, 12 Akkus, einen Wasserkocher, etwas Unterwäsche und eine Puppe geholt. Das war mein schönstes Ferienerlebnis." (1.2.19)
Der Dichter hat sich so eine Säge aus dem Internet bestellt – noch immer hält er kurz inne, wenn er sowas erzählt. "Ich habe mir eine Lampe aus der Steckdose bestellt", findet er dementsprechend logisch, macht aber kein Mensch.
Jedenfalls die Säge: "weit verbreitet in Bau, Fest-Deko, Handwerk Verarbeitung, Werbung, Beschneiden Obstbäume und anderen Branchen. Auch ideal zum Wandern, Angeln und andere Outdoor-Freizeitaktivitäten, ein wichtiges Werkzeug für ihre Clan".
Der Dichter wollte eigentlich nur in seiner Schaffenspausen am Brettchen sägen, das entspannt die Nackenmuskulatur, aber nun überlegt er sich ernsthaft, ob er nicht vielleicht die gesamte Kreativ-Schreiben-Branche damit zerlegen sollte – eines sonntagmorgens im Outdoor, unter dem fragwürdigen Schein einer Straßenlaterne, von der soziokulturellen Familie unfreundlich beäugt. (10.1.19)
Der Tag beginnt mit Depressionen. Wieder zu spät erwacht!
Obwohl - des Dichters Schlaf gefällt das. Für ihn ist das ein Erfolg, weitab von Trübsal!
"Was für ein angenehmer Morgen!" rief er eben aus.
Der Dichter wollte klagen, ihn mit dem Kissen am Reden zu hindern, jedoch war der Störenfried schneller.
"Wie habe ich geruht! Was habe ich schönes geträumt! Nun einen entspannten Morgenkaffee. Her damit! Was ist zu tun!?"
Dichter: zu viel! Zu spät! Alles hin!
Schlaf: (tret!)
Der Dichter fasst es nicht, sein eigen Fleisch und Blut gibt ihm einen Tritt! (9.1.19)