Hose

Kunde betritt den Laden und ruft: „Hallo, hier kommt der König!“ Und tatsächlich trägt er eine Krone auf seinem Kopf. Verstohlen sehen die Verkäuferinnen einander an. Ist dieser Kunde nun ein König, und wenn ja, von welchem Land – oder, was eher anzunehmen ist, erlaubt sich da jemand einen Scherz? 

„Fallet nieder auf die Knie!“ befiehlt nun der König. „Ihr dürft meinen Mantel küssen, aber nicht da, wo das Fell sitzt. Das kostet jedes Mal eine Reinigung extra.“

Die Ankleidehelferinnen überlegen noch. Doch schon schlängelt sich die Kassiererin am Boden, und so tun sie es ebenso.

„Ist gut,“ sagt der König, „alle wieder aufstehen! – Ich hätte gern eine Jeans, die einen schönen Hintern macht.“

Das ist auch bitter nötig, denken die Verkäuferinnen und wühlen in den Regalen. Es gibt zwei Modelle: das eine sitzt recht knapp; das andere betrügt das Auge und kaschiert, was zu kaschieren ist.

„Ich probier mal die enge“, sagt der König, und man hört, dass es anstrengend für ihn ist.

„Kommet und sehet!“ ruft er, als er fertig ist, „aber seid vorsichtig mit eurer Meinungsäußerung. Letztens habe ich wieder einen Boten geköpft!“

Schweigen.

Endlich fasst sich das Lehrmädchen ein Herz und ermuntert: „Ach, probieren Sie doch einfach auch einmal die andere an!“ - was dem König nur recht zu sein scheint. Man hört ihn sich wieder abrackern und plagen, doch schließlich erscheint er - wesentlich entspannter - erneut vor der Kabinentür.

„Die nehme ich“, sagt er, „eine halbe Verbeugung reicht, danke. Ich gehe jetzt zum Ausgang und Sie schauen sich das ganze mal von hinten an.“

„Wunderbar!“ jubeln die Verkäuferinnen.

„Auf Wiedersehen“, sagt der König.

(Aus Vera Henkel: "Ein fliehendes Kinn", Grupello 2018)

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