Rumaroma

Meine Springform ist davon gesprungen. Ich wollte gerade Teig einfüllen, da war sie weg. Ich sah sie noch winkend am Küchenfenster vorbei hopsen, aber das schien auch alles, was sie nach Jahren sorgfältiger Pflege noch für mich übrig hatte.

Tief enttäuscht genehmigte ich mir ein kleines Röhrchen Rumaroma, als mich der Kirschsteinentferner ungefragt anzugiften begann.

Ha, Ha, Ha, lachte er, das gönne ich Ihnen, Sie unsensible Hausfrau! Haben Sie denn nicht bemerkt, wie schlecht es der armen Springform seit Monaten ging? Wie unzufrieden sie mit ihrem Dasein gewesen ist? Aber ich habe sie doch stets eingefettet! schrie ich.

Tss, tss, machte der Kirschsteinentferner, ich krieg einen über mich! Als ob das wohl reichen würde, gesäubert und eingefettet! Also nee! - Sie wollte leben! Sie wollte ausgehen, sich amüsieren, einen Akademiker kennen lernen, bei Vollmond im Heu liegen und auf ein Eigenheim sparen. Eben das, was unsereins von den Tieren unterscheidet!

Ich leerte noch ein Röhrchen Rumaroma.

Sie hat geweint, entfuhr es weiterhin gnadenlos dem Kirschsteinentferner. Cherie, hat sie zu mir gesagt, Cherie, ich geh fort. Ich halte es nicht mehr aus! Diese Ignoranz! Diese klebrigen Teigfladen mit Rumaroma! Dieser ewige Stachelbeerbelag! - Ganz unter uns, hätten Sie nicht mal gelegentlich Annanas auftragen können?

Es war zwar noch etwas früh, aber ich öffnete mir schon mal die Abendampulle und aß ein Schälchen Mürbeteig.

Der Kirschsteinentferner war etwas näher gerückt und wir sahen uns zusammen die Nachrichten im Fernsehen an. Ich polierte seinen Kernstößel mit einem Allzwecktuch, und als er schließlich in meinen Armen einschlief, dachte ich daran, auf welch verschlungenen Pfaden Gott der Herr doch letztendlich immer wieder dafür sorgt, dass es uns kleinen Erdenmenschen an nichts mangelt.

(veröffentlicht in meinem 1. Prosaband 1996 und im BR)

Wörter ...

März-Text

Dichters Alltagsnotizen

(Auf den Dichter klicken)