Coronadrama

1. Aufzug

Ein Männlein erscheint auf der Bühne des Weltgeschehens.

(In einem Wohnblock nachts um halb eins:)

"Fallet nieder auf die Knie! Fallet nieder auf die Knie! Fallet nieder auf die Knie! Fallet nieder auf die Knie! Fallet nieder auf die Knie! Fallet nieder auf die Knie!"

"Ruhe da draußen, du Jupp!"

"Jetzt reicht's aber! Machen Sie wenigstens das Fenster zu!"

"Es ist nach Mitternacht! Wenn Sie nicht sofort aufhören zu schreien, rufe ich die Polizei!"

"Fallt erst nieder auf die Knie!"

"Was bilden Sie sich ein?!"

"Wieso sollten wir!?"

"Wer sind Sie überhaupt?!"

"Ich bin die Krone der Schöpfung!"

"Und das sollen wir glauben?"

"Und wenn schon!"

„Beweise!"

Einen Moment herrscht Stille. Dann erscheint im Spotlight des aufblendenden Deckenlichtes ein rundes, stoppeliges Männlein in schlockernden Unterhosen mit einer Tüte auf seinem Kopf.

"Buh!" krächzt es mit heiser gewordener Stimme.

"Zu Hilfe, zu Hilfe!" gröhlt es vielstimmig zurück.

2. Aufzug

(Das Männlein gewinnt an Kraft.)

Gestärkt von seinem unerwarteten Erfolg schreitet das Männlein am nächsten Morgen aus der Eingangstür. Heute ist es, seinem neuen Status gemäß, schon besser angezogen: gebügeltes Oberhemd, gestärkte Beinkleider, polierte Schuhe, und dazu ein leicht altmodischer, doch sehr repräsentativer Rock. 

"Milch, Butter und Käse!" verlangt es mit lauter Stimme im Einzelhandelsgeschäft. "Wein, Cognac und seltene Biersorten, und alles schon fertig in der Tüte, flott, flott!"

"Aber wie reden Sie denn mit mir!?"

"Seien Sie froh, dass ich Sie überhaupt beachte, Sie elende Verkäuferin!" kontert das ehemalige Männlein, das inzwischen ein Edelmann geworden ist.

3. Aufzug

(Der Edelmann langweilt sich und reitet in die Welt hinaus.)

Zu Hause in seiner neuen Villa angekommen, tunkt der neue Edelmann erstmal die müden Zehen in den neuen Pool. Dann schwimmt er eine Runde, dann lässt er den Masseur kommen, dann trinkt er Whisky, dann schaukelt er in der Hängematte, dann betrachtet er stundenlang seine Fingernägel, dann nimmt er in der Privatsauna ein Eukalyptusschwitzbad.

"Besuch!" ruft er daraufhin, und scheucht die neue Dienerschaft herum, ihm Freunde und Bekannte und nette Nachbarn zu besorgen. Doch sie kehren nur mit Absagen zurück.

Da setzt sich der ehemalige Edelmann, der inzwischen ein König geworden ist, selbst aufs Pferd und prescht in die Welt hinaus.

4. Aufzug

(Der König versucht vergeblich, sich mit seinem Pferd zu unterhalten.)

Doch wo immer der neue König auch hinkommt, nehmen die Untertanen panisch Reißaus.

"Das kann doch nicht sein, dass keiner von euch Pack mit mir zu tun haben will!" empört sich der König. "Nun, gut, dann musst du herhalten, mein edles Ross!"

Und der König steigt von ihm herab, macht es sich neben ihm im Gras gemütlich und steckt sich eine Pfeife an.

Stille.

"Na los, erzähl mir was!" befiehlt der König. 

"Was sollte ich denn erzählen, was Euer Gnaden interessieren könnte?" wiehert die Stute.

"Ja, irgendwas! Zum Beispiel, was du zuletzt gelesen hast, oder womit du dich neben der Reiterei noch beschäftigst oder was deine Lieblingsfarbe ist!"

"Rot."

"Und weiter?"

"Was weiter?"

"Was noch!?"

"Ich habe keine weitere Lieblingsfarbe, Jupp!"

"König! Ich bin jetzt ein König!" schreit da der ehemalige König und flicht sich, weil er grad nichts anderes zu tun hat, einen Haarkranz aus Kornblumen blau.

(Den Text hab ich bereits Mitte 2020 geschrieben, da haben wir uns alle noch über den neuen König gewundert.)

Wie ich

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Abb.: Vera Henkel vor Neusser Hafenpanorama