Eis

Das Leben ist ein großes, unordentlich anmutendes Vogelnest, dem an der einen Seite zugearbeitet wird, während auf der gegenüberliegenden Gelockertes rieselt. Betrachtet man dieses Gebilde jedoch aus einiger Entfernung, ist man erstaunt über seine dynamische Ausgewogenheit und stellt befriedigt fest, dass sich Gut und Böse im Prinzip die Waage hält. Hier wird geboren, dort geliebt, drüben geweint, hüben gestorben. Jemand braucht einen Topf, ein anderer hat einen Deckel abzugeben. „Wenn ich groß bin, werde ich Ingenieur“, sagt Oskar. „Du bist ausgewachsen“, sagt sein Vater, der im Zirkus die Lilliputnummer gibt. Die lange Gerda stößt sich überall den Kopf.

Im Himmel sitzt Jesus am Schaltpult, während sein Vater auf PR-Tour in den Neuen Bundesländern unterwegs ist. Jesus betätigt einen Hebel. Ein Hund stirbt, dafür werden fünfundzwanzig Karnickel geboren.

„Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen“, sagt Maria Magdalena und tupft ihm die schweißnasse Stirn mit ihrem Schürzenzipfel. Plötzlich wirft sich Jesus schwer gegen einen großen, roten Knopf. Frankreich landunter.

Man hört ein ärgerliches Schnaufen, und Gott kommt zornrot die Hängeleiter hinaufgeklettert. Er gibt ein paar Tastenkombinationen in das Keyboard des Sekundärcomputers ein. Portugal brennt.

„Kann man euch denn nicht eine Sekunde aus den Augen lassen!?“ schreit Gott ungerecht.

„Immer mit der Ruhe, Anton“, sagt Maria und legt ihm sanft die Hand aufs Knie.

„Ich heiße nicht Anton!“ schreit Gott.

„Schrei nicht immer so, Herbert“, mahnt Maria, „das ist nicht gut für deinen Blutdruck!“

„Ich will mich ja nicht wieder einmischen“, sagt Jesus, „aber in Grönland ist ein Sack Eis umgefallen.“

Gott und Maria Magdalena lassen voneinander ab und eilen zum Hauptmonitor. Das Eis ist zersplittert und einige der scharfkantigen Spitzen haben sich einem Pinguinpaar in die weißen Bäuche gebohrt.

„Ausgerechnet meine Lieblingstierart!“ jammert Gott. Die Pinguine sind die einzigen, die sich noch für die monatlich stattfindenden Audienzen in Schale werfen und ihren Kindern Tischmanieren beibringen. „Geh doch mal gucken, Jung, ob da noch was zu machen ist!“ Aber Jesus hat sich bereits die Felljacke übergezogen und ist schon unterwegs.

„Siehst du, wenn Not am Mann ist, springt er doch immer wieder für dich ein.“ Maria Magdalena massiert sanft Gottes verspannte Schulterpartie. „Jetzt sei du in Zukunft auch mal ein wenig geduldiger und schnauz ihn nicht immer sofort wegen jeder Kleinigkeit an!“

Gott grummelt und greift nach einem Fläschchen Nähmaschinenöl, um eine verrostete Mutter von einer Schraube zu lösen.

Jesus kommt die Hängeleiter hinaufgeklettert mit acht Pinguinbabys huckepack.

„Nein!“ will Gott toben, aber dann besinnt er sich seiner Unterredung mit Maria, „Ja, dann kommt erst einmal herein. Ihr werdet doch sicher Hunger haben. Es gibt Borretsch mit Speck.“

(Aus Vera Henkel: "Ein fliehendes Kinn", Grupello 2018)

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