Die Familie

 

Der verkommene Teil der Familie faulenzt, man wundert sich aus welchen Mitteln, in einem eigenen, kleinen Haus unweit der portugiesischen Westküste. Der Kontakt ist spärlich, weshalb auch unklar, wie hoch genau inzwischen die Anzahl der Kinder ist. Letzte Aufnahmen zeigen Hilde mit einem Säugling an der Brust, einem Zweijährigen an der rechten und einem ungefähr vierjährigen Jungen an der linken Hand. Der Mann im Hintergrund trägt nur eine Unterhose und ist nahezu schwarz. Der verkommene Teil der Familie ist seit sechs Jahren nicht auf Heimaturlaub in Deutschland gewesen – vermutlich mangelt es an flüssiger Barschaft – die jedoch andererseits für den Unterhalt eines riesigen, tiefroten Mercedesbusses auszureichen scheint, sowie eines fast ebenso großen Fernsehers, der inmitten einer improvisierten Küche auf dem Esstisch neben der Kinderwiege und einem Korb knittriger Wäsche zu sehen ist.

Der angesehene Teil der Familie besteht in der Überzahl aus Zahnärzten. Die Lust am fremden Mundraum hat sich hier vom Großvater auf den Vater auf den Sohn übertragen. Die Frauen assistieren, so sie nicht selbständig kieferchirurgisch tätig sind.

Georg wohnt in Angina Burfasi, diesem Teil der Erde, dessen Namen jeder anders ausspricht. Eine ebensolche Unklarheit besteht darüber, wie man dort lebt. Georg war mit dem 

Rucksack unterwegs, ehe er sich in einem Baumhaus oder einer Höhle oder einem Tempel oder einer Strohhütte niederließ. Jedenfalls besteht keine Internetverbindung.

Bei den Westfalen herrscht die musische Ader vor. Ein Großteil der aktuellen Generation bevölkert das Arnsberger Sinfonieorchester. Die erste Geige, der zweite Fagott, der dritte Tenor, die vierte Harfe, die fünfte Triangel – werden von Mitgliedern der Familie gestrichen, geblasen, gesungen, gezupft und geschlagen.

Karsten lebt in Berlin in einer Kreativkommune.

Des Weiteren: Anwälte, Richter, Studienräte, Betriebswirte mit Hochschulabschluss, ein Skilehrer, der allerdings angeheiratet ist.

Mindestens fünfzehn Familienmitglieder befinden sich zur Zeit in einem Studium, weitere sieben im Referendariat. Mehr als fünfundachtzig Prozent verfügen über ein überdurchschnittlich hohes Jahreseinkommen, sechzig haben ihren letzten Sommerurlaub außerhalb von Europa verbracht, siebenund-zwanzig Prozent der Frauen wird im Flugzeug schlecht, wovon acht dicke Beine kriegen.

Auch die Bezwingung des Mount Michowskowa ist einem unserer Vorfahren zuzuschreiben, genauso wie die hartnäckig angefochtenen Erfindungen des Pullunders und des Sahnesteifs. Letzteres war ein Zufall, der der Giessener Linie zu einem beträchtlichen Vermögen verhalf.

Friedhelm kifft.

Heute, auf den Tag genau vor einhundertfünfzig Jahren, haben sich mein Urgroßvater Josef Pieper und meine zukünftige Urgroßmutter Helene Maria Hinterangel auf einer 

Viehausstellung in Niederhöxe kennengelernt. Es war Sommer, die Bienen summten, Schmetterlinge flatterten vorüber, die Männer hatten die Hemdsärmel nach oben gekrempelt, die Frauen zeigten hie und da ein wenig Bein.

Erschienen in meiner Textsammlung "Ein fliehendes Kinn"

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