Knie

Sie werden ja doch irgendwann fragen. Also erzähle ich es Ihnen lieber gleich: der furchtbare Kahlschlag auf meinem Kopf kommt daher, dass ich wieder ein neues Haarwuchsmittel ausprobiert habe. Eigentlich war es ja mehr ein Hausrezept. Ich habe Honig mit Schnittlauch vermischt und alles zweieinhalb Stunden einwirken lassen. Danach habe ich drei Stunden unter der Dusche gestanden und versucht, die letzten Haare zu retten. Aber es war hoffnungslos, und der Friseur hat gleich so eine Art Beinbehaarungsentfernungspflaster aufgelegt und dann mit einem Ruck alles abgerissen, sodass die neuen Ansätze wieder Platz zur Entfaltung haben.

Vorher habe ich es ewig mit diversen Toupets versucht. Aber erstens war es in der Regel sehr schmerzhaft die Stränge an der Kopfhaut zu befestigen und zweitens hielt das Ganze dann doch nie so recht.

Mein Vater seinerzeit probierte es mit Implantationen. Man betäubte ihn örtlich und rupfte ihm dann am Hinterkopf einzelne stabile Haare aus, die man anschließend vorne mit einem schrecklichen Apparat eintackerte. Jahrelang trug er Pflaster und Binden und sah jede Woche anders aus.

Mitte zwanzig machte ich noch täglich Kopfstand. Zuerst ohne Halt freistehend, doch nach den ersten Stürzen sicherheitshalber an den Schreibtisch gelehnt. Später dann hatte ich ganz von selbst haarwurzelstärkenden Bluthochdruck.

Neuerdings, wenn ich mit dem Kissen im Fenster liege und freien Schädels auf die Straße hinabsehe, wächst mir Bart am Knie. Er ist von jener Art, wie ihn mein stets strebsamer Großvater Zeit seines Lebens trug - allerdings am Kinn - und ich erinnere mich, wie ich als Kind stundenlang daran zerrte, bis er eines Tages abriss und den Blick freigab auf einen sehnigen, verkrampften Hals, den er sofort hektisch mit einem Aktenordner bedeckte.

(veröffentlicht in Vera Henkel: "Ein fliehende Kinn", Grupello 2018)

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