Franz

So, die Küche wäre zerhackt. Als nächstes nehme ich mir das Wohnzimmer vor. Die Schrankwand als erstes, schön, wie die Axt im Weichholz klafft. Ich werde mich scheiden lassen. Den Hund lasse ich hier. Ich habe seine Nägel mit der Pfeile gespitzt und dann die Katze zu ihm geschickt. Jetzt kämpfen sie schon seit Stunden im Schlafzimmer auf der Briefmarkensammlung.

Mein Mann heißt Karl. Meine Freundinnen haben alle Männer geheiratet, die Michael oder Andreas oder Stefan heißen. Mein Mann heißt Karl und sieht inzwischen aus wie Franz. Mittwochs gibt es immer gedünstete Ochsenzunge. Man lässt die Zunge halbweich kochen, zieht sie sofort ab und bräunt sie in heißem Fett mit Zwiebel und gelber Rübe an, bis einem ganz schlecht ist und man hinausrennen und würgen muss, während Karl mit stoßbereit erhobenem Besteck am Tisch sitzt und den weiteren Verlauf den Abends nicht erwarten kann.

Wir heirateten an einem feuchten Dezembermorgen. Karl fiel gleich in den Dreck, und anschließend bekam ich jahrelang kein Taschengeld, weil Karl behauptete, ich hätte ein schadenfrohes Gesicht gemacht.

Zum ersten Hochzeitstag erhielt ich eine neue Isolierkanne und einen selbstgepunzten Topflappenhalter; die Jahre darauf je ein elektrisches Küchengerät und einen blauen Kittel, in dem ich – bekleidet zusätzlich nur noch mit der letzten Perücke Seiner Mutter - Samstags nachmittags das Treppenhaus wischte.

Gleich kommt das Taxi und es wird Zeit, den Sittich aus der Pfanne zu nehmen. Er ist schon goldbraun, und Karl besteht auf ein pünktliches Abendessen.

Heute ohne Gesang.      ⓒVera Henkel

(aus meiner im letzten Jahr bei Grupello erschienenen Kurzprosasammlung "Ein fliehendes Kinn")

Wörter ...

April-Text

Dichters Alltagsnotizen

(Auf den Dichter klicken)