Date

Dies ist ein wirklich sehr alter Text von mir, ich glaube, von 1986. Er ist mir dieser Tage wieder in die Hände gefallen, als ich nach Besinnlichem suchte. Das ist er zwar nicht, aber etwas Kontemplatives ... wie sie da so sitzt ... hat er schon, finde ich.

Marianne sitzt auf einer rostigen Tonne im Hof.

Ihre Große Liebe hat sie gerade vor die Tür gesetzt. Zur Zeit schmeißt er ihr ihre Sachen aus dem Fenster hinterher. Es klirrt und scheppert, platsch macht die Stereoanlage, die Nachbarn haben sich aus den Fenstern gelehnt und gucken zu.

Die Große Liebe schreit und brüllt. Marianne überlegt, wo sie jetzt hingehen soll. Sie hat hier keine Freunde, denn erst vor kurzem hat sie wegen ihrer großen Liebe die Stadt gewechselt.

Die Stadt ist riesengroß und bietet allerlei Abwechslung.

Jeden Abend kann man in eine andere Kneipe gehen. Man kann dann am Morgen allerhand Leute mit nach Hause zum Kaffee nehmen, die man anschließend nie wieder sieht, aber das macht nichts, weil man zum Ausgleich wiederum von anderen Leuten zum Frühstück mitgenommen wird, die man ebenso vergisst.

Die Große Liebe ist da etwas komisch.

Naja, es ist jetzt vorbei, aber Marianne wird ihm nie verzeihen, wie er immer die Butter versteckt und die Eier demonstrativ ausgeblasen hat, obwohl von Ostern nicht die Rede sein konnte.

Die Große Liebe ist Diplom-Ingenieur. Wenn er abends nach Hause kommt, zieht er sich sofort seinen Freizeit-Ballonanzug an. Danach schlüpft er in seine Collegeschuhe und bricht auf zum Kiosk für Zigaretten und Bier.

Mit so was war nicht zu rechnen.

Als Marianne ihn kennenlernte, trug er Jeans und Weste, hatte grüne Augen, lobte den Jahrgangssekt, lachte hintergründig, erzählte Kindergeschichten, sah sie bedeutsam an und schimpfte über Typen mit Schnauz und Dekolleté. Jetzt fängt es auch noch zu regnen an.

Die Große Liebe hat soweit alles Große aus dem Fenster geworfen; nun folgen noch einzelne Kleingegenstände, dann ist er fertig und erkundigt sich, ob Marianne noch etwas sagen will.

Sehr komisch das alles. Marianne wischt sich erstmal ausführlich die Regentropfen aus dem Gesicht.

Plötzlich fällt ihr der Ring ein, den er ihr zum Einzug geschenkt hat. Nicht dass sie auf so einen sentimentalen Firlefanz steht, aber er ist aus echtem Gold und hat einen kleinen grünen Stein eingearbeitet.

Also steht sie auf und geht ins Haus; den Schlüssel hat sie noch.

Die Große Liebe wartet in der Wohnungstür. Seine Augen funkeln, und am Kopf sind die ersten kahlen Stellen zu sehen.

"Bald hast du eine Glatze, dann wird es schwer mit den Frauen," sagt Marianne.

Dann grapscht sie vom Nachttisch den Ring und schubst in der Küche eben noch den Mülleimer um. Danach verbarrikadiert sie sich im Badezimmer und schneidet mit der Nagelschere Löcher in den Duschvorhang. Außerdem wirft sie die hässlichen Gästehandtücher in die Toilette und zieht ab, damit es eine Verstopfung gibt.

Als sie das Bad verlässt, stürzt sich die Große Liebe auf sie. Sie wälzen sich auf dem Boden, und Marianne reißt ihm einige Haarbüschel aus. Dafür bekommt sie einen Schlag in die Magengrube und wird mehrmals gewürgt.

Dann klappt die Wohnungstür auf, und ein Hund kommt herein. Er zögert nicht lange, wedelt mit dem Schwanz und macht mit.

Anschließend liegen alle drei erschöpft im Flur.

Zum Schluss sammelt die Große Liebe die Haare auf, der Hund sucht sein Ohr, und Marianne macht lange Atemzüge.

(Aus Vera Henkel: "Männer in Unterhosen", Grupello 1996)

Die Philosophie

Dezember-Text

Dichters Alltagsnotizen

(Auf den Dichter klicken)