Diät

Ich kann nur noch Maden essen. Ich spieße sie auf ein Schaschlikstöckchen und verspeise sie leicht geröstet, sodass der erste Happs zwischen den Zähnen knackt.

Raupen? - habe ich auch schon getestet. Aber von diesen ausgewachsenen zähen Lebewesen bleiben mir ständig Stränge zwischen den Zähnen hängen. Und vom Pelz muss ich immer stundenlang husten, sodass ich mich gar nicht beruhigen kann. 

Von Eintagsfliege zum Beispiel bekomme ich Hüftausschlag. Das sieht aus wie Gürtelrose, nur nicht ganz rum. Und Köcherfliege ist deshalb heikel, weil ich mich dauernd an den Flügeln verschlucke und vor Luftröhrenkratzen nicht schlafen kann.

Stechmücke – jahrelang aß ich nur Stechmücke. Drei Tage zuvor eingeweicht in anderthalb Esslöffel Buttermilch, dann vorsichtig von Stachel und Beinchen befreit, schmecken sie mit Maismehl bestäubt vorzüglich und sind außerdem ein geheimes Mittel gegen Marienkäferausschlag. Zu Quark eine Delikatesse. Abends zum Knabbern besser als jeder Blattlauskräcker. Aber eben dieser hohe Cholesteriengehalt! 

Spulwurm: gut für die Verdauung, jedoch hämoglobinbedenklich.

Dörrobstmotte: schon besser, aber kein Vergleich. 

Leistenkopfplattkäfer: zerfällt in der Mikrowelle. 

Kakerlak: Im Clownskostüm ab und an.

Und dann die Nacktschnecke! Meine frühesten Erinnerungen gehen auf die Nacktschnecke zurück. Kein Sommer ohne ein erfrischendes Nacktschneckendessert! Kein kalter Winterabend ohne köstlichen Nacktschneckenaufguss! Ganze Lebensabschnitte entfalten sich mir beim Gedanken an diesen Hochgenuss! 

Aber damit ist es jetzt leider ebenfalls vorbei.

Seit meine friedliche Mutter nach dem Verzehr von Nacktschneckengratin wiederholt mir dem Essbesteck auf unsere trächtige Katze zielte, bin ich auch hier misstrauisch geworden.

Immerhin haben wir noch gut in Erinnerung, wie Onkel Hubert, Qualle kauend, vor unserer aller Augen seinen engsten Familienkreis dezimierte. 

Wenn mir auch sonst keiner glauben will, ich jedenfalls bin vorsichtiger geworden. Selbst meine Maden koche ich vorher ab. 

Für die Hauszucht ist folgendes zu beachten: Maden gedeihen besonders gut in einer warmen trockenen dunklen Atmosphäre, weshalb ich ihnen unter meiner Bettdecke ein kleines Gelege eingerichtet habe.

(veröffentlicht in Vera Henkel: "Männer in Unterhosen", Grupello 1996)

Wie ich

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Abb.: Vera Henkel vor Neusser Hafenpanorama