Wie ich eine Schriftstellerin wurde

„Dass ausgerechnet wir eine Bekloppte in der Familie haben müssen!“

Mein Vater presste seine Lippen noch ein bißchen fester zusammen und fuhr fort, mir meine Arme auf den Rücken zu biegen, „los, sag uns sofort, wer dir das in den Kopf gesetzt hat!"

 

Nie! Und wenn er mir alle Sehnen einzeln überdehnte, niemals würde ich John dieser Rohheit preisgeben! John mit der tollen Tolle und dem amerikanischens Gebiss.

„Darf ich Ihnen Vera Henkel vorstellen? Sie ist eine säähr gute Schriftstellerin!“

 

Ich hatte gerade meine ersten Texte geschrieben und bildet mit John Linthecum, André Bolten, Rolfrafael Schroer und Liane Dirks eine Literaturformation. Wir trafen uns immer donnerstags. John und André hatten dicke Kladden dabei, aus denen sie zu jedem Thema eine Vielfalt von Gedichten herausschüttelten, Rolfrafael zitierte laut aus seinem zuletzt erschienenen Buch, Liane arbeitete an etwas Längerem, und ich las bei jedem Auftritt dieselbe Geschichte vor.

 

„Wir werden es sowieso herauskriegen!“ Meine Mutter reinigte die Pinzette und zupfte mir noch ein paar Wimpern aus. „Wir werden einfach von nun an alle deine Telefonate abhören.“ Ich wohnte noch zu Hause und fuhr wochentags nach Krefeld zum Design-Studium.

„Hey duuu!“ flüsterte John am Telefon, „isch habe gerade ein Gedischt geschrieben!“

 

Später bei den größeren Veranstaltungen flog er. Er blieb gerade noch lange genug am Boden, um uns allen ein Lob auszusprechen, dann hob er ab. Er jubelte über unseren Köpfen, und wem es gelang, seine Augen zu erheben, konnte ihn am Himmel Pirouetten drehen sehen.

 

„Dafür bezahlen wir dir nicht dein teueres Studium, daß du plötzlich beschließt, Tintenpisser zu werden!“ Mein Vater hielt nichts von Beschönigungen und hatte mir seinen Sinn für Sprache vererbt.

„Ach, lassen wir sie“, sagte meine Mutter, „bis jetzt hat sie noch jede Idee wieder aufgegeben.“

Die Philosophie

Dezember-Text

Dichters Alltagsnotizen

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